Eines Tages floh das Mädchen vor dem Trubel der Stadt. Sie wolle fort von dem, was sie als schnelllebig und unaufhaltsam empfand. In vielen Märchen und Legenden, erfuhr sie über die Tiefen eines Gebirges, welches ohne einen Hauch Industrie und Menschlichkeit versehen, seit vielen, zillionen Jahren dort stand und keinen Schritt in einer der Himmelsrichtungen gesetzt hatte. Nach einer meilenlangen Wanderung, welche sich über vier Vollmonde streckte, erreichte sie im Morgentau das Gebirge, welches sie im Anblick einer atemberaubenden Landschaft empfang.
Als das Mädchen ihre ebenhölzernen Schuhe abstriff, um eine flüchtige Berührung mit dem smaragdgrünen Gras des wärmenden Berges zu tun, herrschte eine plötzliche Stille, welche sie in ihrer gesamten Existenz ergreifen zu versuchte. Eine leere in ihrem Köpfchen, die gefüllt werden könne von Ideen und Fantasie, ohne den trübenden Einfluss des bereits Geschaffenen.
Enthusiastisch setzte sie den einen Fuß vor dem anderen, um ungehalten in die Ewigkeit das Dolcefarniente zu laufen. Bei Nacht traf sie auf ein Lebewesen, von welchem sie nur im entferntesten Wege gehört hatte. Majestätisch, imposant und trotzdem so friedvoll stand es im hohen Grase und genoss die Windböen des Nordens. Ein Umhang aus Wolle tat sich auf seinem gestärkten Körper nieder und zwei Hörner, welche im Bogen seinen Kopf krönten, drangen sich durch den dunklen Schädel.
„Wer wage seine Schritte in das Unberührte?“, fragte es im raunenden Klange, als es mit seinem Blicke das Mädchen fixierte. Doch dieses war verstummt, da es sich vor der beeindruckenden Gestalt fürchtete. „Angst ist der Feind des Schaffens, lasse sie frei, um über die Grenzen deines Verstandes zu steigen.“ Mit langsamem Hufe trottete das ehrfürchtige Tier näher.
Da fragte das Mädchen mit zittriger Stimme: „Oh du Wesen der Berge, mögest du mir verraten, was du bist?“. Die Gestalt blickte in das Sternenmeer, welches sich in seinem dunklen Auge schimmernd reflektierte. „Die Art meines Daseins ist ein Symbol der Schöpfungskraft, ich bin ein Widder.“ Das Kind neigte in einer verdrossenen Art den Kopf und fragte, wie es der Widder nur schaffte, so sehend und empfindsam zu sein. Da antwortete dieser in authentischer Art: „Die Kunst des Schaffens ist weder eine Aneignung noch ein bedingtes Talent. Jeder Denkende hat die Veranlagung dazu, nur vergessen wir dies in der Eile. Nun setze dich zu mir und kreiere allein in deinem Verstande.“
So ließ sie sich auf dem dämmernden Felde nieder und betrachtete das funkelnde Zelt. Der Widder und das Mädchen formten Bilder aus den Himmelskörpern, welche im späteren Zeitalter unter dem Begriffe „Sternzeichen“ erkenntlich sein würden.
-Jeder Denkende hat die Veranlagung zur Kreation
Autorin: Lea / Leah Starthunder